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Kultur der Citani

Es ist müßig und bisweilen nervenaufreibend, wo immer wir auch ankommen stets die gleichen Fragen beantworten zu müssen: „Was hat es mit diesem Kopfbedeckungswahn auf sich?“ „Wen habt ihr da verflucht?“ und „Warum wollt ihr uns nicht die Hand geben?“ sind nur einige davon.

Um dem ein wenig vorzugreifen will ich euch an dieser Stelle von unserer Kultur und unseren Traditionen erzählen. Die meisten davon sind tief verwurzelt und gut begründet, und vielleicht kann ich so ja sogar noch ein wenig Vernunft in den Kopf des ein oder anderen Gadžos hineinbekommen.

Das Wichtigste zuerst:

Anders als die Gadžos leben wir Čitani in einem Familienverbund (einer Kumpanja) zusammen, der über allem Anderen steht. Man wird in dieser Familie geboren und man stirbt in dieser Familie. Tust du einem von uns etwas an, dann tust du das seiner ganzen Familie an. Auf diesen Familienverbund ist unser ganzes Zusammenleben ausgerichtet. Es gibt in Čitanifamilien ein Familienoberhaupt – den Brajo bzw. die Braja. Da es in unserem Fall eine Braja ist, werde ich diesen Begriff im weiteren Text verwenden. Die Braja trifft Entscheidungen selten allein.

Die Familie bestimmt zusätzlich einen Rat, der meist aus 4-6 Personen besteht und über alle wichtigen Belange berät und abstimmt. Bei Gleichstand ist dann die Stimme der Braja entscheidend. Die Braja ist außerdem eine Art Richterin innerhalb der Kumpanja. Sie spricht Recht oder schlichtet bei Streitigkeiten und entscheidet bei kleineren Vergehen über das Strafmaß.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil unseres Gefüges ist die Pun Dai. Ihr würdet sie vermutlich als „weise Frau“ oder als „Seherin“ bezeichnen. Die Pun Dai verfügt über die Gabe des zweiten Gesichts und hat starken Kontakt zur Geisterwelt. Dadurch vermag sie Zusammenhänge zu erkennen, die uns Anderen verborgen bleiben. Aufgrund dieser Fähigkeit hat sie ein Vetorecht bei allen Entscheidungen, wenn sie sieht, dass eine getroffene Entscheidung Unglück bringen würde. Dabei ist sie niemals dazu verpflichtet, das Gesehene preiszugeben.

Wir unterteilen die Welt stets in drei Kategorien. Das Reine, das Unreine und das Neutrale. Die Einteilung funktioniert mit allem, was existiert und hat uns bislang immer sicher geleitet.

Dieser Einteilung folgen auch die Geister um uns herum, die stetig Einfluss auf unsere Geschicke nehmen. Die wichtigsten und mächtigsten Geister sind der Schwarze und der Weiße Mulo. Mindestens einer von ihnen wohnt in jedem noch so kleinen Ding und von beiden ist man dadurch stets begleitet.

Der Weiße Mulo ist wohlmeinend und schenkt Weisheit wo immer er jemanden findet, der sie annehmen möchte. Er bringt Glück und sorgt für scharfe Sinne. Wann immer du das Gefühl hast, dass es fast schon zu gut läuft um wahr zu sein, hat sicher der Weiße Mulo seine Finger im Spiel und sein wachsamer Blick ruht auf dir.

Der schwarze Mulo wiederum ist ein Unhold, der mit all seiner Macht versucht, die Menschen fehlzuleiten. Er ist derjenige, der deinen Fuß auf den knackenden Ast lenkt, wenn du dich anschleichen musst. Er ist es, der deinen Blick verschwimmen lässt, wenn du etwas suchst und der dir dumme Gedanken in den Kopf setzt, die oft zu dummen Entscheidungen werden.

Der Kopf ist das Reinste an unserem Körper. In ihm befindet sich unser Wissen, unser Geist und unser Wesen. Ahnen und Geister können nur über ihn Kontakt zu uns aufnehmen und uns auf unseren Pfaden leiten. Das wissen auch die unreinen Geister. Um Menschen zu lenken muss man ihren Geist beeinflussen und glaub mir, der Schwarze Mulo weiß ganz genau, wie er das anstellen muss.

Um uns vor ihm zu schützen tragen wir immer und überall eine Kopfbedeckung. Die einzige Ausnahme bilden unsere Wagen und Zelte, sowie das Sonnensegel unseres Lagers, und auch hier lässt niemand von uns das Haupt länger als unbedingt notwendig unbedeckt. An Orten, an denen der Schwarze Mulo besonders viel Einfluss hat, zum Beispiel in großen Städten oder in Gebäuden der Gadžos, riskieren wir nichtmal eine Sekunde lang einen unbedeckten Kopf.  Man sieht ja an den Gadžos, was es anrichtet, sich dem Schwazen Mulo derartig auszuliefern…

Die Einzige Ausnahme ist die Pun Dai.  Sie ist auf die starke Verbindung zu den Geistern angewiesen um Visionen und Warnungen uneingeschränkt empfangen zu können. Zudem ist sie durch ihre spirituelle Ausbildung und die damit verbundene Kontrolle über den eigenen Geist in der Lage, den Schwarzen Mulo größtenteils aus ihrem Kopf auszuschließen, wenngleich ein gewisses Risiko ihr trotzdem immer bleibt.

Auch den Körper unterteilen wir in rein und unrein, und wo der Kopf die Reinheit des Geistes trägt, da tragen die Füße den Schmutz unzähliger Straßen. Jeder, der schonmal länger als ein paar Meilen weit gewandert ist, wird mir zustimmen, wenn ich sage, dass unsere Füße Schmutz beinahe magisch anziehen. Sie sind der unreinste Teil unseres Körpers und müssen daher besonders of gereinigt werden. Wann immer möglich waten wir durch Bachläufe oder machen Rast an Teichen und Seen um unsere Füße ins Wasser zu halten. Außerdem müssen die Füße mindestens Abends gründlich und mit Seife gewaschen werden. Darauf achten wir alle sehr, auch wenn Joan sich manchmal noch wie ein kleines Kind dagegen sträubt.

Doch so unrein die Füße eines Menschen auch sein mögen, die Beine, die sie tragen, möchte sicherlich kein Mensch missen. Umso wichtiger sind unsere Beine für uns Čitani, denn ohne sie wäre uns das Reisen und das Leben wie wir es lieben nicht mehr möglich. Unsere Füße und Beine bringen uns von Ort zu Ort und geben uns die Möglichkeit, immer wieder neue Gegenden zu entdecken, neue Wunder zu sehen und neue Künste zu erlernen. Ohne sie wären wir verloren. Und so sind unsere Beine uns gleichermaßen Fluch und Segen. Rein und unrein, verräterisch und heilig. Aus diesem Grunde gilt es unter Čitani als ehrenlos und schamhaft, die Beine zu präsentieren. Zwar ist es kaum möglich, die Füße und Knöchel stets bedeckt zu halten, doch alles, was sich oberhalb des Knies befindet, dürfen die Augen von Gadžos niemals erblicken, denn es käme einem Verrat am eigenen Volk gleich. Als würde man einem Gadžo Einblick in unsere größte Schmach und unsere wertvollsten Schätze gewähren.

Fast genauso unrein wie unsere Füße sind unsere Hände. Sie sind zwar Quelle unseres kreativen Schaffens und vielerlei Werkzeug zugleich, aber gerade das führt dazu, dass sie verschmutzen. Über denTag muss man so viele verschiedene Dinge mit den Händen berühren, dass es nahezu unmöglich ist, sie so rein zu halten, wie sie uns bei unserer Geburt geschenkt werden. Um sie von Missetaten und Fehlgriffen abzuhalten, müssen auch die Hände sehr regelmäßig gereinigt werden. Dazu verwenden wir oft Salben und Öle aus Kräutern mit reinigender Wirkung.

Um unsere Hände nicht mit unnötigem Schmutz zu belasten, vermeiden wir es, Dinge zu berühren, die bekanntermaßen unrein sind. Dazu gehören vor allem Gadžos. Wo die Haut eines Gadžo schon erschreckend unrein ist, so ist sein Blut noch um ein vielfaches schlimmer, da es aus einem Herzen gespeist wird das über Jahre hinweg vom Schwarzen Mulo verdorben werden konnte. Das ist auch, falls ihr euch das schonmal gefragt habt, der Grund, warum die Heilung eines Gadžos durch eine Gyóni so teuer ist…

Bei uns Čitani gibt es nicht allzu viele festgeschriebene Gesetze. Vielmehr orientiert sich unser Recht an den Bedingungen, in denen wir uns befinden. Natürlich steht die Familie und ihr Wohlergehen für alle Čitani an erster Stelle. Damit begründen sich unsere wichtigsten Gesetze:

Tue nichts, was deiner Kumpanja oder deinem Volk schadet.

Wenn du etwas verbotenes tust, lass dich nicht erwischen.

Befolge unsere Traditionen.

Gib den Gadžos nichts von unserer Sprache preis.

Weiter spielt für uns die Freiheit die größte Rolle für unser Glück. Unfrei zu sein ist für uns schlimmer als der Tod und daher ist es streng verboten anderen das anzutun, was wir selbst am meisten fürchten.

Einen anderen Menschen gefangen zu halten ist schlimmer, als ihn zu töten.

Da wir nur recht wenige Gesetze haben, und diese noch dazu sehr viel Auslegungsspielraum bieten, bestrafen wir Fehltritte sehr hart.

Strafen können unterschiedlich hart gewählt werden. Die gängigsten Strafen sind:

Schmähung im Beisein anderer Čitani.

Zeitweiser Ausschluss von der Teilnahme an gemeinsamen Festen.

Zeitweise Isolation vom Rest der Familie

Die härteste Strafe, die nur im Falle extremer Verbrechen ausgesprochen wird, ist die Verbannung und der immerwährende Ausschluss aus der Gesellschaft der Čitani. Damit ist auch jede Kontaktaufnahme zu anderen Personen unseres Volkes strengstens verboten. Nach solch einem Urteil wird der Verurteilte deutlich sichtbar gekennzeichnet, meistens durch ein Brandzeichen, um anderen Čitani zu zeigen, dass es sich um einen Verstoßenen handelt. So wird die gestrafte Person Zeit ihres Lebens keinen Čitani mehr finden, der auch nur ein Wort mit ihr spricht.

Bei uns Čitani wird alles geachtet und geschätzt, was Handwerkskunst ist und / oder Freude bereitet. Sei es die Kunst des Schmiedens, so wie es unser Vorfahr Yaki Čigan beherrschte, sei es ein kunstfertig gebauter Wagen oder die schönen bunten Malereien darauf. Vielerlei handwerkliches Talent findet man in den Reihen unseres Volkes und meistens muss man danach nicht lange suchen.

Neben dem Handwerk versteht sich unser Volk aber auch hervorragend auf die musischen Künste. Wem von uns das Talent im Handwerk fehlt, der ist sicher fähig, einem Instrument die schönsten Töne zu entlocken oder verschönert so manche Runde am Feuer mit einer atemberaubenden Gesangsstimme. Und wo Musik zu finden ist, da ist natürlich auch der Tanz nicht fern. Wir tanzen überaus gern, doch das tut auch so mancher Gadžo. Doch was uns von den Gadžos unterscheidet ist, dass wenn wir tanzen, die Leute gern hinsehen und nicht versuchen schnell auszuweichen. Auch die Fähigkeit, Geschichten mit soviel Gefühl und Leidenschaft vorzutragen, dass die Zuhörer wie gebannt in andere Welten abtauchen, findet man bei uns häufig.

Kurzum, alles was mindestens einen der menschlichen Sinne erfreut ist bei uns zu finden. Viele behaupten, das handwerkliche und musische Talent sei den Čitani bereits seit Bestehen unseres Volkes von den Geistern in die Wiege gelegt worden. Ob das wahr ist? Nun, ich bin zumindest noch nie einer oder einem Čitani ohne ein solches Talent begegnet.

Ein weit verbreitetes Gerücht unter euch Gadžos scheint es zu sein, dass unter Čitani besonders viele Hexen und Wahrsagerinnen zu finden sind. Dafür werden wir zwar einerseits häufig konsultiert und Gadžos verlangen allerhand absonderliche Dinge von uns, auf der anderen Seite werden wir für eben dieses Gerücht aber auch gehasst und gefürchtet. Nicht selten wurden wir schon aus Städten vertrieben, weil böse Zungen uns schwarze Magie und unheilvollen Zauber nachsagten. Deswegen möchte ich damit an dieser Stelle einmal aufräumen.

Die Wenigsten von uns haben einen Sinn für Magie und Hexerei, geschweigedenn die Fähigkeit, Zauber zu wirken oder Geschehen magisch zu lenken. Auch wenn es so scheint, als würde Lindielinn aus unserer Kumpanja das Gerücht der „magischen Čitani“ bestätigen, so ist dem nicht so. Ihre magischen Fähigkeiten sind wohl eher ihren elfischen Vorfahren geschuldet, als ihrer Zugehörigkeit zu einer fahrenden Familie. Unsere Zwillinge Joan und Arigo wecken zwar ebenfalls manchmal den Anschein, durch ihre gemeinsame Musik Magie wirken zu können, doch ich möchte behaupten, dass die kleinen „Zwischenfälle“, die hier und da während eines ihrer Lieder auftreten eher der Ablenkung der Zuhörer geschuldet sind. Ansonsten gibt es einige Wenige unter uns, die es vollbringen Flüche zu sprechen um Rache an Feinden zu üben, aber sie machen bei weitem keine Mehrheit innerhalb des Volkes der Čitani aus.

Ich vermute, dass Vieles von dem was ihr Gadžos als Hexerei wahrnehmt tatsächlich auf eine andere tief verwurzelte Fähigkeit unseres Volkes zurückzuführen ist. Die Kenntnis von Pflanzen und Kräutern und die Fähigkeit, daraus Tränke, Salben und Tinkturen herzustellen. Euch mag es magisch erscheinen, dass die Einnahme eines Trankes einen Menschen krank machen, seine Wunden schließen, oder ihm lustige Furunkel wachsen lassen kann, doch eigentlich hat all dies mit Magie nicht das Geringste zu tun. Es sind allein die Wirkungen von Teilen der Natur und unser Volk versteht es, diese für sich zu nutzen.

Etwas anders verhält es sich hingegen mit der Wahrsagerei. Da es, wie bereits gesagt, in jeder Čitanifamilie eine Pun Dai gibt, die über das zweite Gesicht Visionen und Träume aus der Geisterwelt empfängt, ist die Kunst des Wahrsagens wohl im fahrenden Volk durchaus stärker vertreten als unter Gadžos. Zusätzlich zur Pun Dai findet fast jede und jeder Čitani irgendwann sein eigenes Medium, um mit der Geisterwelt in Kontakt zu treten und bei den Geistern Rat und Einblicke in die Zukunft zu erfragen. Nicht jeder Person unseres Volkes gelingt dies gleichermaßen gut, aber dennoch ist bei uns ein sehr hohes Potential in diesem Bereich zu finden.

Gadžos gewähren wir allerdings nur Einblicke in ihr Schicksal, wenn sie uns deswegen aufsuchen und diese Dienste von uns erbitten. Niemand zwingt einem Gadžo diese Fähigkeiten auf. Dafür sind sie uns viel zu wertvoll.

Wenn ein Gadžo dann das Gefühl bekommt, dass eine Weissagung ihm geschadet hat, dann liegt es meistens wohl vor allem daran, dass diesem Menschen die Fähigkeit fehlt, aus dem offenbarten Wissen die richtigen Schlüsse zu ziehen und er aus Angst vor der vorausgesagten Zukunft dumme Entscheidungen trifft. Und dafür kann man uns doch schwerlich verantwortlich machen.

Auch wenn wir Čitani nicht gerade dafür bekannt sind, uns auf den Schlachtfeldern dieser Welt einen Namen gemacht zu haben, sollte man uns nicht unterschätzen, denn konfliktscheu sind wir nicht. Es stimmt, die Wenigsten von uns sind Kämpfer. Stattdessen tragen wir unsere Streitigkeiten gern mit spitzer Zunge und Intrigen aus.

Es sind bereits so manche hohe Herrschaften in den Krieg gezogen, weil Čitani Ihnen genug Gründe dafür eingeflüstert haben.

Auch beim Schimpfen und Fluchen kennen wir keine Scheu und Beleidigungen erfinden wir zum Zeitvertreib.

Doch nun denk nicht, dass wir wehrlos sind, wenn wir dann doch einmal nicht umhin kommen uns mit der Waffe zu verteidigen. Wir ziehen zwar selten aus eigener Intention in einen Kampf, aber wenn es darum geht die Familie gegen Angriffe zu verteidigen, müssen die Kämpfer unseres Volkes sich nicht verstecken. Sie kämpfen Mutig und führen die Klingen so schnell wie sonst die Zungen.

Und solange wir diese handvoll Kämpfer haben, brauchen wir Konflikte mit euch Gadžos nicht zu fürchten, denn glaubt mir, wenn ihr Kämpferinnen wie unsere Joan einmal im Kampfesrausch erlebt habt, dann überlegt ihr es euch zweimal, ob ihr euren Streit mit uns wirklich mit der Waffe lösen wollt.